Venus (Teil 1): Die missratene Schwester der Erde

Seit Menschen den Himmel beobachten, kennt man allerdings ein Gestirn, das der Heimatwelt der Menschheit – in kosmischen Verhältnissen – nicht nur sehr nahe ist, sondern ihr auch so sehr ähnelt, dass man es als Schwester der Erde bezeichnen kann: die Venus. Beide Planeten haben ungefähr die gleiche Größe, Dichte, Masse und Anziehungskraft. Noch dazu ist die Umlaufbahn der Venus der Erde von allen Planeten am nächsten. Während die durchschnittliche Entfernung zwischen Erde und Mars bei 225 Millionen Kilometern liegt, beträgt sie zum zweiten Planeten des Sonnensystems nur 108 Millionen Kilometer.

Beobachtungen der Venus mit Teleskopen bestätigten eine dichte Lufthülle, die keinen Blick auf die Oberfläche zulässt. Dies gab schon früh Anlass zu Spekulationen über die Verhältnisse auf der Oberfläche. Möglicherweise lag unter der Wolkendecke eine von Leben wimmelnde Dschungelwelt. Schon die ersten Spektralanalysen zeigten jedoch, dass Wasserdampf in der Venusatmosphäre überhaupt keine Rolle spielt, und auch Sauerstoff ließ sich nicht nachweisen. Stattdessen zeigte die Analyse für Kohlensäure typische Linien.

Venus und Erde im Vergleich
Venus Erde
Durchmesser am Äquator 12103,6 km 12756,32 km
Mittlere Dichte 5,243 g/cm³ 5,513 g/cm³
Masse (Erde = 1) 0,815 1
Gravitation an der Oberfläche 8,87 m/s² 9,80665 m/s²
Atmosphäre (Hauptbestandteile) 96,5 % Kohlenstoffdioxid, 3,5 % Stickstoff 78 % Stickstoff, 20,95 % Sauerstoff

Dies hinderte jedoch Science-Fiction-Autoren nicht daran, sich eine andere Welt auszumalen. Hans Dominik beschrieb 1926 in einem Roman die Venus als einen Planeten mit erdähnlicher Flora und Fauna. Edgar Rice Burroughs, der in seiner Barsoom-Serie bereits mehrere Romane über den Mars geschrieben hatte, verfasste von 1932 bis 1942 mehrere Geschichten, die den Schwesterplaneten der Erde zum Thema hatten. In seinem Roman Perelandra beschrieb C. S. Lewis, der später durch Die Chroniken von Narnia berühmt wurde, 1943 die Venus als eine Art Garten Eden mit Inseln aus schwimmender Vegetation.

Dieses Bild der Venus wurde von Mariner 10 aufgenommen. Die Sonde flog am 5. Februar 1974 an dem Planeten vorbei. (Bild: NASA)

Stanislav Lem gehörte zu den Ersten, die den Nachbarplaneten der Erde als eine Welt mit extremen Oberflächenbedingungen darstellte. In seinem Roman Die Astronauten von 1951 (erschienen auch unter dem Titel Der Planet des Todes) schilderte er die Venus als einen verwüsteten Ort. Astronauten von der Erde landen auf dem Nachbargestirn und entdecken die Überreste einer ausgestorbenen hochtechnologischen Zivilisation, die sich selbst und ihre Umwelt zerstörten.

Extreme Verhältnisse

Heute wissen wir mehr über die tatsächlichen Bedingungen auf dem Nachbarplaneten – und sie sind alles andere als lebensfreundlich. Anstatt aus Wassertröpfchen, wie auf der Erde, bestehen die obersten Wolken der Venus aus Schwefelsäure. Orkane mit einer Geschwindigkeit von 360 Stundenkilometern treiben die Wolken in ungefähr vier Tagen um den Globus. Nicht weniger lebensfeindlich ist es weiter unten in der dichten, zum größten Teil aus Kohlendioxid bestehenden Atmosphäre. Auf der Oberfläche ist die Windgeschwindigkeit zwar nicht so hoch, aber die Temperatur von 470 Grad Celsius würde jedes Wasser sofort zum Verdunsten bringen – falls es welches gäbe. Sogar Blei schmilzt bei dieser Temperatur. Der atmosphärische Druck ist ungefähr so hoch wie 1,6 Kilometer unter Wasser auf der Erde. Die einwandfreie Sichtweite beträgt nur etwa 100 Meter.

Eine weitere Besonderheit der Venus ist auch die Drehrichtung, die von Ost nach West verläuft und damit anders erfolgt als bei den übrigen Planeten – mit Ausnahme des Uranus. Das heißt, dass die Sonne im Westen auf- und im Osten untergeht. Die Rotation vollzieht sich jedoch sehr langsam. Sie nimmt relativ zur Sonne fast 117 Erdtage in Anspruch. Dadurch dauert ein Venustag länger als ein halbes Venusjahr, das 224,7 Erdtage lang ist. Diese langsame Rotation hat wahrscheinlich auch zur Folge, dass die Venus ein sehr schwaches Magnetfeld besitzt.

Große Unterschiede zur Erde weist auch die Venusoberfläche auf. Auf unserem Nachbarplaneten gibt es Gebiete mit bis zu 7000 zusammengeballten Schildvulkanen sowie massive einzelne Vulkangebilde mit einem Durchmesser von bis zu 1000 Kilometern (zum Vergleich: Auf der Erde befinden sich Vulkane vor allem entlang der Ränder der Kontinentalplatten, und einer der größten Vulkane der Erde, der Mauna Loa auf Hawaii, hat einen Durchmesser von etwa 120 Kilometern). Ungleich der Planeten Merkur und Mars – oder auch des Mondes –, die kaum geologische Veränderungen aufweisen, ist die Oberfläche der Venus relativ neu. Sie zeigt im Durchschnitt nur ein Alter von 200 bis 700 Millionen Jahren. Darauf weisen auch Meteoritenkrater hin, die allesamt vergleichsweise jüngeren Datums sind. Die gesamte Oberfläche scheint durch vulkanische Aktivitäten erneuert worden zu sein.

Wer sich näher mit der Venus beschäftigen möchte, dem kann man das Buch des Astronomen Patrick Moore empfehlen. Die hier abgebildete Paperback-Ausgabe erschien 2005 bei Cassell Illustrated. (Titelbild: JPL/MIT/USGS/Galaxy)

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Die veränderte Zukunft: Zeitparadoxa in Science-Fiction

Von einer Zeitreise handelte bereits die 1889 von Mark Twain veröffentlichte Roman Ein Yankee am Hofe des König Artus (A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court). Der Protagonist wacht nach einem Schlag auf den Kopf im Jahr 528 am Hofe König Arthurs auf und erlebt dort allerlei Abenteuer. Am Ende der Geschichte versetzt ihn der Zauberer Merlin in einen Tiefschlaf, aus dem er erst 1300 Jahre später erwacht. Obwohl der Held des Romans die Vergangenheit beeinflusste, hat dies keine Auswirkungen auf die Gegenwart. Der Grund dafür: Mark Twain hatte schlicht und einfach keine Zeitreisegeschichte im Sinn, sondern eine Satire.

Ein gezieltes Reisen in der Zeit ist in der Geschichte Die Zeitmaschine (The Time Machine) von H. G. Wells möglich. Da hier die Zeitreise mit Hilfe einer technischen Erfindung möglich ist, zählt der 1895 erschienene Roman von H. G. Wells zur klassischen Science-Fiction und ist zu Recht einer der bedeutendsten frühen Werke des Genres. Die Zeitmaschine wurde mehrfach verfilmt.

Zeitparadoxa

Abgesehen davon, dass die Zeit keine räumliche Dimension ist und deswegen nicht einfach eine Parallele zur Fortbewegung von Punkt zu Punkt gezogen werden kann, ist mit der Zeitreise ein weiteres Problem verbunden: Sie könnte einen unlösbaren Widerspruch auslösen. Würde man beispielsweise in die Vergangenheit reisen, um Hitler daran zu hindern, die Welt mit Krieg zu überziehen, gäbe es später keinen Grund, in die Vergangenheit zu reisen, um ihn an seinen Missetaten zu hindern. Ebenso könnte man die eigene Existenz auslöschen, indem man in die Vergangenheit zurückkehrt, um die eigene Geburt zu verhindern. Aber wenn man nie geboren worden wäre, gäbe es auch niemanden, der in die Vergangenheit reisen und seine Eltern um ihre freudigen Erwartungen bringen würde.

Ein Yankee bei Aristoteles

Um ein solches Zeitparadoxon geht es in Ein Yankee bei Aristoteles (Aristotle and the Gun)von L. Sprague de Camp. Die Kurzgeschichte wurde erstmals 1958 in der Zeitschrift Astounding Science-Fiction veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erschien 1980 in einem Taschenbuch mit Erzählungen des Autors im Wilhelm Heyne Verlag.

Der Held der Geschichte ist Sherman Weaver, der sich mit Hilfe einer Maschine in die Zeit Philipps II. von Mazedonien katapultieren lässt. Dort möchte er Aristoteles treffen, der damals Erzieher Alexanders (später „der Große“ genannt) war. Weaver glaubt, dass das mangelnde Interesse des einflussreichen antiken Philosophen am Experiment den wissenschaftlichen Fortschritt während eines Großteils der nachfolgenden Geschichte verzögert hat, und versucht, den Gelehrten in die Richtung zu lenken, die er für richtig hält. Dadurch möchte er den Lauf der Geschichte so verändern, dass sich bereits Hunderte von Jahren vor dem zwanzigsten Jahrhundert die experimentelle Wissenschaft durchsetzt und die Zeit, aus der er kommt, von einer Art Superwissenschaft beherrscht wird.

Aber es klappt nicht alles so, wie er es geplant hatte, und als Weaver in seine eigene Zeit zurückkommt, muss er feststellen, dass sein Einfluss auf Aristoteles ganz andere geschichtliche Folgen nach sich zog, als er geplant hatte.

Cover des Buches "Ein Yankee bei Aristoteles
Das Buch „Ein Yankee bei Aristoteles“ erschien 1980 im Wilhelm Heyne Verlag. Es enthält sieben Science-Fiction-Geschichten von L. Sprague de Camp, darunter zwei Zeitreisegeschichten. (Bild: Karel Thole / Wilhelm Heyne Verlag)

Saurierjagd im Mesozoikum

Von Zeitreisen handelt auch die Kurzgeschichte Saurierjagd im Mesozoikum (A Gun for Dinosaur) von L. Sprague de Camp aus dem Jahr 1956. Die deutsche Übersetzung erschien im gleichen Taschenbuch aus dem Wilhelm Heyne Verlag wie die oben erwähnte Zeitreisegeschichte.

Da in der Gegenwart die größeren Wildtiere außerhalb der Parks bereits ausgerottet sind, bietet ein Unternehmen schießwütigen Großwildjägern Reisen in die ferne Vergangenheit an. Um Zeitparadoxa zu vermeiden, müssen diese Jagdausflüge weiter als das Jahr 100000 v. Chr. zurückgehen, da bei diesem großen zeitlichen Abstand die Handlungen der Expeditionsteilnehmer „mehr oder wenig im Strom der Zeit verloren“ gehen. In der Geschichte reisen die Trophäenjäger sogar 85 Millionen Jahre zurück – in die Zeit der Sauriere. Aber der Gefahrenfaktor Mensch spielt auch in dieser Geschichte eine herausragende Rolle.

L. Sprague de Camp (1907 – 2000) war ein sehr produktiver Autor. Er schrieb in seiner 50-jährigen Schaffenszeit über 100 Bücher. Dabei handelte es sich nicht nur um Romane, sondern auch um Sachbücher. Vielen ist er als Herausgeber und Autor von Conan-Geschichten bekannt. Sein bedeutendstes Werk ist wahrscheinlich Lest Darkness Fall von 1941. Eine deutsche Übersetzung und Bearbeitung erschien unter den Titeln Vorgriff auf die Vergangenheit und Das Mittelalter findet nicht statt.In diesem Zeitreise-Roman wird der Protagonist durch ein Gewitter in das Rom des Jahres 535 n. Chr. zurückgeschleudert. Mit Hilfe seines Wissens beeinflusst er die Vergangenheit und verändert so die Zukunft.
Über seine Tätigkeit schrieb L. Sprague de Camp: „Ich schätze meine Leser, weil sie es mir ermöglichen, ohne Arbeit zu leben. Ich tue nur, was ich gerne tue – Schreiben – und die Leute sind so vorschnell, dass sie mich dafür bezahlen.“

Bild der drei Autoren Robert A. Heinlein, L Sprague de Camp und Isaac Asimov
Drei Giganten der Science-Fiction: Robert A. Heinlein (links), L. Sprague de Camp (Mitte) und Isaac Asimov (rechts) (Bild: gemeinfrei)

Fantastische Pasquinaden: Satire in der Science-Fiction

Ray Bradbury definierte Science-Fiction als „jede Idee, die im Kopf vorkommt und noch nicht existiert, aber bald existieren wird, und alles für jeden verändern wird, und nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor.“ Science-Fiction kann aber auch mit Spott oder Übertreibungen bestehende Verhältnisse ins Visier nehmen. Die fantastischen Erzählungen eignen sich besonders gut für diese Art von Kritik, da die Handlungen meist in der Zukunft, in anderen Realitäten oder Welten spielen. Offizielle oder inoffizielle Zensoren kann man – falls sie die versteckte Kritik überhaupt wahrnehmen – damit beschwichtigen, dass das alles nicht die Wirklichkeit betrifft und ganz anders gemeint war.

Satirische Proto-Science-Fiction

In fantastischen Geschichten versteckte Satire taucht schon sehr früh auf. Die von dem antiken Satiriker Lukian von Samosata (ca. 120 – ca. 180/200) verfasste Erzählung Wahre Geschichten handelt von einer Reise zum Mond und berichtet über den Krieg zwischen dem Mondkönig und dem Sonnenkönig um den Morgenstern. Was Lukian damit beabsichtigte, waren weniger Spekulationen über Verhältnisse auf anderen Welten. Er zielte stattdessen auf die Mythen und die Geschichtsschreibung seiner Zeit ab.

Auch der französische Aufklärer Voltaire (1694 – 1778) berichtet in seiner Erzählung Micromégas von den Bewohnern anderer Planeten, die der Erde einen Besuch abstatten. Die Absicht dieser Geschichte ist aber ebenfalls nicht, von Sirius- und Saturn-Bewohnern zu erzählen. Voltaire wollte damit vielmehr die Verhältnisse auf der Erde des 18. Jahrhunderts aus der Sicht außerirdischer Besucher beleuchten und kritisieren.

Nur selten kommt der irische Schriftsteller und Geistliche Jonathan Swift (1667 – 1745) in den Sinn, wenn man von frühen Science-Fiction-Autoren spricht. Sein bekanntestes Werk, Gullivers Reisen (Gulliver‘s Travels), ist aber ein typisches Beispiel der „fantastischen Reise“, die als Subgenre der Science-Fiction gesehen werden kann. Gulliver, der Held des Romans, kommt auf die Insel Liliput, deren Bewohner nur sechs Zoll groß sind und ein normaler Mensch als Riese gilt. Später landet er auf Brobdingnag, wo das Gras so hoch wie Bäume ist und die erwachsenen Einwohner bis zu 70 Meter in die Höhe ragen. Weitere Reisen führen Gulliver unter anderem zu der schwebenden Gelehrteninsel Laputa. Jonathan Swift spielt in Gullivers Reisen auf das Verhalten der Reichen und Mächtigen gegenüber den Armen und Schwachen oder die Rolle der Wissenschaft an. Diese Satire wird – ohne das nötige Hintergrundwissen – heute oft nicht mehr verstanden. Deswegen erscheint Gullivers Reisen manchmal sogar als Kinderbuch. Aber Jonathan Swifts Zeitgenossen wussten, um was sich seine Erzählung wirklich drehte.

Gulliver bei den Liliputanern. Die satirische Geschichte wurde in dieser Grafik aus dem 19. Jahrhundert noch einmal zu satirischen Zwecken verwendet: Gulliver repräsentiert Uncle Sam, und die kleinen Menschen sind Politiker der Demokratischen Partei. (Bild: New York Public Library)

Das Universum und der ganze Rest

Als ein Beispiel moderner satirischer Science-Fiction kann Per Anhalter durch die Galaxis (The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy) von Douglas Adams gelten. Mit der Geschichte über die Beziehung zwischen Mäusen und Menschen verspottet er den Glauben der Menschheit an ihre eigene Brillanz. Er macht sich über religiöse und philosophische Debatten lustig, nimmt die Bürokratie aufs Korn und bietet mit dem Lob der Vogon-Poesie eine hervorragende Parodie der Literatur-Kritik.

Kurt Vonneguts Katzenwiege (Cat‘s Cradle) ist ein weiteres Buch, in dem es von Satire wimmelt. Ein Beispiel dafür ist die Religion des Bokononismus, dessen Gründer offen zugibt, dass alles nur erfunden ist. Aber wer trotzdem glaubt, kann mit diesen harmlosen Unwahrheiten ein gesundes und glückliches Leben führen.

Satirische Elemente tauchen selbst dort auf, wo man es weniger erwarten würde, wie etwa in den Heften der Perry-Rhodan-Serie. Ein Beispiel ist die Darstellung des freischaffenden Münchener Schriftstellers Ernst Ellert und seiner ebenso von einem „schmalen Geldbeutel“ lebenden Künstlerfreunde in dem von Clark Darlton verfassten Perry-Rhodan-Roman Das Mutanten-Korp, die auf die oft prekäre Situation von Autoren und Künstlern anspielt(Heft Nr. 4, Silberband Nr. 1). Auch der russische Präsident in Melodie des Untergangs (Perry Rhodan Neo Nr. 132) von Susan Schwartz trägt unverkennbar Züge eines bestimmten zeitgenössischen autoritären Herrschers.

Science-Fiction mag zwar meist in der Zukunft spielen. Um erfolgreich zu sein, muss sie aber für die Leser (und Zuschauer) der Gegenwart relevant sein – und diesem Zweck dient auch die Satire.